Schlagwort: Hooligans
Das Schweigen beenden – Hooliganstrukturen ansprechen!
Aufgrund verschiedener Nachfragen und Spekulationen ist es uns zuvor wichtig, klar zu stellen, dass die Autor*innen dieses Textes weder Teil der „Ultras Braunschweig 2001“ sind oder waren, noch bestehen personelle Verbindungen zwischen UB01 und der Faninitiative BS. Wir sind eine eigenständige Gruppierung ohne Ultra-Charakter, die sich aus langjährigen Eintrachtfans aus allen Teilen des Stadions zusammensetzt und für ein diskriminierungsfreies Stadion arbeitet. Dieser Beitrag ist ohne Rücksprache mit anderen Gruppierungen entstanden und ohne Zusammenhang mit den Ultras Braunschweig zu verstehen. Eine Übertragung der hier dargestellten Inhalte auf die Ultras Braunschweig entbehrt jeder Grundlage.
Die Südkurve ist seit Saisonbeginn um (mindestens) eine Zaunfahne reicher: In unmittelbarer Nähe zu den Ultras und ihrer Blockfahne präsentieren neuerdings auch einige Hooligangruppen geeint und verbunden ihre eigene Zaunfahne. Beim Design den Ultras gleichend, ist nun in treuer Regelmäßigkeit das Gebiet der „Hooligans“ in Block 8 abgesteckt. Nach inzwischen einigen Wochen Wartezeit ist es nun nötig sich zu äußern, Stellung zu beziehen – es tut scheinbar sonst kaum jemand.
Wer genau sich hinter dem „Hooligans“-Banner sammelt, ist nicht endgültig bekannt. Entscheidender als die Frage der Dahinterstehenden jedoch ist die problematische Symbolik: Hooligans fühlen sich in der Südkurve so sicher, dass sie sich geeint mit eigener Zaunfahne präsentieren – und werden trotz ihrer Verbindungen sowie der personellen Überschneidungen mit der rechtsextremen Szene nahezu kritiklos akzeptiert. Die lange rechte Historie sowie noch immer währende rechte Gegenwart nahezu aller Hooligangruppen sollte bekannt sein. Zahlreiche Materialien und Berichte stellen in aller Deutlichkeit klar, wie eng und tief die Verbindungen und Überschneidungen zwischen rechtsextremer und Hooligan-Szene in Braunschweig und Umland sind. Ob Gruppen wie die „Alte Kameraden“, „Fette Schweine“, „Schluckspechte“ oder „Kategorie Braunschweig“ – sie alle sollten als rechtsoffen bis rechtsextrem besetzt und ausgerichtet bekannt sein. Verschiedene Vorfälle der vergangenen Jahre haben dies über die Stadtgrenzen hinaus bekannt werden lassen (11Freunde, ZEIT, taz, taz) – die Informationsbroschüre „Kurvenlage“ befasste sich darüber hinaus ebenfalls mit diesem Thema.
Geändert hat sich seitdem nicht viel: Die Netzwerke von Hooligans und Rechtsextremen sind nach wie vor dicht verwoben, zahlreiche Kontakte in die Ultraszene bestehen ebenfalls. Insbesondere die Hooligans von „Fette Schweine“ sind offenbar tief in die Fanszene integriert, nahmen an Benefizturnieren von Cattiva Brunsviga (eintracht.com) sowie der Fanclubliga teil – und bewegen sich im unteren Block 8, wo dem rechtsextremen Hooligan aus Chemnitz, Thomas Haller, in der vergangenen Saison ein Gedenkbanner gewidmet wurde (taz, BZ). In der gleichen Ecke war beim Derby 2016 ein Spruchband zu sehen, welches Bezug zum antisemitischen „U-Bahn-Lied“ nimmt (siehe Tweet). Die „Fetten Schweine“ sind mit ihrer Zaunfahne in Block 8 präsent und werden von der Ultraszene und Teilen der Fankurve offenbar kritiklos anerkannt. Ihre rechtsextreme Orientierung ist angesichts oben dargestellter Spruchbänder leicht ersichtlich.
Es sind jedoch nicht allein die „Fetten Schweine“, die sich bestens mit der extremen Rechten verstehen bzw. Teile eben dieser sind. Auch die oben genannten Gruppen „Schluckspechte“ und „Alte Kameraden“ (Kurvenlage) haben eine große Nähe zur aktiven Fanszene einerseits, rechtsextremen Gruppen andererseits. Im Jahr 2013 distanzierten sich beide Gruppen schriftlich von rechtsextremen Gedankengut (FanRat)- und stießen damit auch über die Fanszene hinaus (beim FanRat & Verein) auf unkritisches Vertrauen. Ähnlich verhält es sich mit rechtsgerichteten Gruppen wie den „Exzess Boys“, welche bereits ebenfalls an der Fanclubliga teilnahmen (eintracht.com) und aus ihrer ideologischen Orientierung keinen Hehl machen (siehe Facebook-Post, nonazisbs.blogsport.de). Mit den „Dogs Braunschweig“, welche sich früher „Nord Power Dogs“ (NPD) nannten und bis heute Teil der Fan- und rechten Szene sind (DogsBS), gibt es eine weitere rechte Gruppierung mit langer Tradition in der Fanszene.
Es sind diese Gruppierungen, aus welchen sich jene Gruppe zusammensetzt, die sich hinter dem „Hooligans“-Banner sammelt und selbstbewusst im Stadion verkehrt. Untereinander gut vernetzt sind insbesondere die „Fetten Schweine“, „Kategorie Braunschweig“, „Exzess Boys“ sowie die „Alten Kameraden“, dessen Mitglieder sich (je nach Gruppe unterschiedlich) in gewisser Regelmäßigkeit im unteren Bereich in Block 8 aufhalten – eben dort, wo sich das „Hooligans“-Banner neuerdings befindet. Es ist das Resultat langen Schweigens und andauernder Tatenlosigkeit von Verein und Fanszene. Als langjährige Eintrachtfans, die unsere Eintracht von der Haupttribüne, Gegengrade oder Südkurve verfolgen, begegneten wir immer wieder Situationen des Schweigens, in denen auch wir nicht die passenden Worte zur Hand hatten. Über Jahre und Jahrzehnte wuchs und gedieh so die Braunschweiger Hooliganszene und vernetzte sich schnell mit Teilen der sich schnell wandelnden Ultraszene. Der nun vollzogene Schritt scheint also einen weiteren Integrationsschritt darzustellen, eine weitere Verfestigung bestehender Hooligan-Strukturen innerhalb unserer Fanszene. Nichts deutet bislang darauf hin, dass sich die Ultras, welche stets die Selbstreinigungskräfte der Kurve beschwören, am „Hooligan“-Banner stören oder ein Problem mit dem selbstbewussten Auftreten der rechten Hooligans haben. Auch abseits der Stehplätze nahm niemand von uns ernsthafte Diskussionen über das Banner wahr. Ein Umstand, der uns Sorgen bereiten sollte und nicht länger schweigend übergangen werden darf.
Dass auch der Verein wort- und tatenlos zusieht, wie sich rechtsextreme Hooligans wieder und weiterhin in der Fanszene einnisten, ist ein zusätzliches Problem. Zwar engagiert sich Eintracht Braunschweig seit einigen Jahren zunehmend in der Präventionsarbeit – eine Bestandsaufnahme rechtsextremer Gruppen und Personen oder ein entschlossenes Vorgehen gegen eben diese Fans gab es jedoch nicht. Möglichkeiten hätte unsere Eintracht genug. Eine klare Position beziehen, Gruppenauftrittsverbote oder Stadionverbote, das Verweisen auf die selbst gegebenen und dem Verein zu Grunde liegenden Werte, das Leitbild unserer Eintracht. Eine antifaschistische Haltung bedarf keiner linken Haltung – notwendig ist das Bekenntnis zu Menschenrechten, Grundgesetz und Freiheitlich-Demokratischer Grundordnung. Die Realität unseres Vereins ist allerdings eine andere: Symbolpolitik an Aktionstagen und Distanzierungsschreiben nach diskriminierenden Vorfällen sind der Alltag im Umgang mit der extremen Rechten. Aachen, Cottbus, Chemnitz und Duisburg sind nur ein paar wenige Beispiele, die deutlich machen, wohin es führt, wenn sich Fanszene und Verein unkritisch und tolerant gegenüber rechtsextremen Bestrebungen positionieren. Es entsteht ein Umfeld, in welchem sich Rechtsextreme einnisten, die Strukturen verfestigen und schließlich aus einer sicheren Position um die Hegemonie und Deutungshoheit der Fankurve kämpfen können. Es ist Zeit zum Handeln, für Verein und Fanszene!
Wir wollen mit diesem Beitrag auf den Umstand der tiefen Verwurzelung rechtsextremer Hooligans in unserer Fanszene aufmerksam machen, ein Problembewusstsein schaffen und das Thema in die Kurve tragen. Sprecht mit euren Freund*innen in der Kneipe oder im Stadion darüber, sensibilisiert eure Freunde auf den Tribünen für diese Themen. So schaffen wir ein Klima des Hinschauens, des offenen Redens und somit die Grundlage für eine bunte und vielfältige Kurve, in welcher ein jeder Fan unsere blau-gelben Löwen in sicherem Umfeld unterstützen kann.
Schaut euch auch die untenstehenden Links an. Dort findet ihr weitere Berichte über die erwähnten Gruppierungen und Informationen zu rechten Hooliganstrukturen in Braunschweig.
Weitere Links:
taz 2012 – Nicht alle Fans sind rechts
lichterkarussell.net 2013 – Tot geglaubt und doch vorhanden