Von Kartenpreisen und Sinnverlust

Morgen ist es endlich soweit: Eine Saison der absoluten Tiefen und nicht für möglich gehaltenen Höhen geht zu Ende. Zur Winterpause abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz liegend, hatten viele von uns die Saison schon nahezu abgeschrieben, sich gedanklich auf den Abstieg eingestellt. Die Verpflichtung André Schuberts sowie einiger erfahrener Spieler und Identifikationsfiguren ließen den Erfolg jedoch zurückkehren, die Hoffnung wiederkehren und uns nun vor einem entscheidenden Spiel gegen Energie Cottbus stehen – und das nicht weniger wichtige: Differenzen und tiefe Gräben zwischen Fans, Mannschaft und Verein schlossen sich. Die Eintracht, die diesen Verein so besonders, so einzigartig sein lässt, kehrte zurück.

Insbesondere im Schatten dieses Saisonverlaufs ist es umso trauriger zu sehen, dass so manche Karteninhaber*innen mit kurzfristig freigewordenen Karten ein schnelles und gutes Geschäft wittern. Auf bekannten Plattformen kostet(e) der Stehplatz schnell mehr als 60 Euro, ein Sitzplatz mehr als 90 Euro – entsprechend dem neoliberalen Zeitgeist verlieren Solidarität und Eintracht zu Gunsten der Marktlogik ihren Sinn und Wert. Andere setz(t)en auf die Auktionshaus-Logik und kündig(t)en an, das Ticket dem/der Höchstbietenden zu übergeben. An dieser Stelle hat dann auch das Prinzip der Gleichheit seinen Sinn verloren – und wir sind alles Braunschweiger Jungs?

Handele es sich bei diesen Verkäufer*innen um Personen ohne Bindung an unseren Verein, wäre all das ein reines Geschäftsmodell, wie es bei Weltmeisterschaften, der Champions oder Europa League und weiteren auf höchster Ebene bedeutsamen Fußballspielen bereits trauriger Alltag ist, könnte man all das als eine der tragischen Folgen des kommerzialisierten Eventfußballs verstehen. Zahlreiche Verkäufer*innen jedoch bieten eine Übergabe am Stadion an und zeigen sich offen als Fans der Eintracht. Die Liebe, die selbst gelebt wird, ist hier der Hebel für das große Geschäft – die Eintracht verliert. Ein schlechtes Omen für ein solches Endspiel, wie es uns erwartet.

Zwar waren es keine Massen an Karten, doch halten wir es für wichtig und richtig diese Praxis zu thematisieren und problematisieren. Schließlich stellt unser Verein mit der Ticketbörse eine Plattform zu Verfügung, welche eine schnelle und sichere Abwicklung des (Ver-)Kaufs ermöglicht – aber zum Normalpreis der entsprechenden Kategorie. Und so schade die oben beschrieben Praxis ist, so ist es doch schön zu sehen, dass andere Fans die Werte unserer Fangemeinschaft leben, sich keinen Reibach versprechen, sondern ihre Karte zum Originalpreis über die Ticketbörse abgeben. Eben das ist, was unseren Verein zu dem macht, was er in seinem Namen trägt – zu einer Eintracht, in der alle füreinander einstehen; komme, was immer auch wolle. Insbesondere vor einem Spiel dieser Bedeutung, dessen möglichen Konsequenzen es noch folgenschwerer als jedes bisherige Entscheidungsspiel sein lassen, ist es das, was wir, unsere Mannschaft, der gesamte Verein benötigen.

Solltet ihr also eure Karte noch kurzfristig loswerden müssen, erinnert euch daran, weshalb ihr diesen Verein liebt, was ihn aus der Masse der Anderen hervorhebt: Die immerwährende Verbundenheit, Solidarität und Gemeinschaft, die uns alle vereint. Wir brauchen einen Punkt – dafür müssen wir zusammenstehen, vor, während und nach dem Spiel.

Braunschweig heißt Eintracht – und Eintracht ist alles!

Faninitiative gegen Rassismus und Diskriminierung

„Wir tun doch genug!“ – oder?

Seit 1996 ist der 27. Januar der bundesdeutsche Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. In den vergangenen Jahren hielt eben dieses Gedenken auch zunehmend Einzug in die deutschen Fußballstadien. Zahlreiche Vereine und ebenso zahlreiche Fanszenen widmeten den Millionen Opfern des Nationalsozialismus einige Minuten vor Spielbeginn, verlasen Gedenkschriften oder zeigten Transparente, Schilder und Doppelhalter, welche an die Grundwerte unserer heutigen Demokratie appellieren und sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit richteten. Manch einer mag nun fragen, was diese scheinbar rein politischen Botschaften im Rahmen eines Fußballspiels zu suchen haben. Geht es nicht um die Mannschaft, den eigenen Verein?

Ja, das tut es. Doch war der Nationalsozialismus kein rein politisches Phänomen – er war auch ein soziales, welches insbesondere durch seine außerparlamentarischen Auswirkungen an Schrecken und Bedrohung gewann. Sozialer Ausschluss, Gewalt und dauerhafte Bedrohung, auch innerhalb von Sportvereinen, waren die lebensweltliche Realität aller, die von Nationalsozialisten als nicht „Feinde des deutschen Volkes“ beurteilt wurden – und die Gruppe dieser Menschen war größer, als manch einer es erahnen mag, wie die Worte des Protestanten Martin Niemöller erahnen lassen:

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Ist Fußball politisch?

Viele von euch werden die Diskussion um die oben stehende Frage kennen. Immer wieder wird sie diskutiert, insbesondere dann, wenn innerhalb des Stadions klar Stellung gegen Diskriminierung bezogen wird. Mit dem beliebten Slogan „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“, welcher nicht zufällig auch Teil eines Liedes („HaHoHe“) der rechtsextremen Hooligan-Band „Kategorie C“ ist, soll solches Engagement entkräftet und delegitimiert werden. Fußball sei unpolitisch, ob auf dem Rasen oder in der Kurve – Engagement gegen Rechtsextremismus, Homophobie oder für Offenheit und Toleranz also fehl am Platze.

Angesichts erstarkender rechter Gruppierungen und Aktivitäten in den vergangenen Jahren ist es wichtig, sich mit dieser Frage und dem Argument des unpolitischen Fußballs zu befassen. Nur so können wir die Argumentation der „Unpolitischen“ dekonstruieren und offenbaren, dass es nicht um den politischen Inhalt an sich geht, sondern um das Engagement einer bestimmten politischen Ausrichtung. Wir wollen drei Gründe anführen, die deutlich machen, dass der Fußball nicht von politischen Dimensionen losgelöst ist:

1. Der Fußball ist schon immer eng mit Entscheidungen der institutionellen Politik verbunden. Im Jahr 1349 versuchte der damalige englische König Eduard III. die damalige Version des heutigen Fußballs zum ersten, aber nicht zum letzten Mal zu verbieten – glücklicherweise mit wenig Erfolg. Auch in Deutschland war der Fußball in seinen Anfangsjahren politischer Ablehnung ausgesetzt, bis in die 1970er Jahre war weiterhin der institutionelle Frauenfußball verboten. Der Fußball war also auch früher ein Ort des (gesellschafts-)politischen Handelns – und des Widerstands: So wie im 14. Jahrhundert weiterhin dem kulturellen Gut nachgeeifert wurde, ließen sich auch die Fußballpioniere Deutschlands und später die ausgeschlossenen Frauen nicht vom Fußballspielen abhalten. Heute diskutieren die Innenminister*innen der Länder über neue Sicherheitsmaßnahmen, Politiker*innen zeigen sich neben Fußballer*innen (zumeist allerdings neben Fußballern), internationale Turniere werden zu politischen Werbeveranstaltungen. Die Form der politischen Einflussnahme und Besetzung des Fußballs hat sich verändert, ist aber noch immer deutlich sicht- und spürbar. Der Fußball ist schon immer Wirkungsfeld politischen Handelns, Bühne politischer Repräsentation und Spielball politischer Akteur*innen. Insbesondere die rasant angestiegene mediale und gesellschaftliche Popularität haben diese politische Dimension des Fußballs an Bedeutung gewinnen lassen.

2. Rund sieben Millionen Menschen spielen in Deutschland Woche für Woche für ihren Verein Fußball, füllen das Vereinleben mit Inhalt und leisten damit einen großen Beitrag zum solidarischen Miteinander, zur Integration und einer offenen Gesellschaft. In tausenden Vereinen und Fanclubs treffen Tag für Tag Menschen verschiedenster Herkunft, Religion, Schichten, Hautfarbe, Sexualität, politischer Einstellung, … aufeinander und erleben gemeinsam die Faszination des Fußballs – so wie wir es Woche für Woche bei unserer Eintracht tun. Individuelle Unterschiede zwischen den Menschen verlieren an Bedeutung. Im Gemeinsamen wird das Trennende unsichtbarer. Auch hier findet sich eine politische Dimension, denn solch ein integratives Vereins- und Clubleben braucht und fördert unsere demokratischen Grundlagen von Politik und Zivilgesellschaft.

3. Der dritte Grund jedoch zeigt noch viel deutlicher den Widerspruch auf, welcher sich ergibt, wenn aktive Fans dem Fußball einen unpolitischen Charakter zuschreiben: Das eigene politische Engagement. Ob Polizeiaufgabengesetze, Anstoßzeiten, Kollektivstrafen, Stadionverbote, Stehplatzverbote, Sicherheitsverschärfungen oder lokale Anliegen – Ultras und andere Gruppen der aktiven Fanszene äußern sich immer wieder zu politischen Themen und beziehen Stellung. Weniger häufig, aber dennoch vielerorts gibt es außerdem Aktivitäten rechtsextremer Gruppen, die um Mitglieder werben, Solidaritätsbanner präsentieren und gewaltbereit und -tätig gegenüber politisch anders ausgerichteten Personen auftreten. All dies, vom Banner „Twete statt Gasse“ über den rechten Flyer in der Kurve bis zum rassistischen, homophoben oder sexistischen Gesang, sind politischen Handlungen – und sie sind, in verschiedener Intensität, Alltag in deutschen Kurven. Auch (und insbesondere) dort, wo die Losung bei anderen Inhalten „Fußball ist Fußball und …“ lautet. Das Argument des unpolitischen Fußballs greift auch hier, beim eigenen Verhalten jener, die das Argument vorbringen, ins Leere. Sie sind es selbst, die diese Dimension politischer Verwobenheit erst schaffen und mit Inhalt füllen – und sie leugnen, wenn die Ausrichtung des politischen Handelns ihnen nicht passt.

Es ist also gar nicht schwer, das Argument des unpolitischen Fußballs zu entkräften – und sich gegen Angriffe dieser Art aufgrund eigenen Engagements zu wehren. Denn: Die politischen Äußerungen aktiver Fans zu Anliegen wie dem Polizeiaufgabengesetz, Anstoßzeiten oder anderen Fananliegen sind wichtig und relevanter Bestandteil einer mündigen Zivilgesellschaft. Ebenso wichtig ist jedoch auch das Engagement für diskriminierungsfreie Stadien und eine offene Kultur des Fußballs – und ebenso legitim. Wer also antidiskriminierende Arbeit delegitimieren will, mit dem unpolitischen Fußball argumentiert, sollte mit seinem eigenen Handeln innerhalb des Stadions und der Fanszene konfrontiert werden – das Argument entkräftet sich dann von selbst.

Eintracht in Vielfalt!

[03/19] Gedenkbanner für CFC-Hooligan und Neonazi Thomas H. in Block 8

Endlich! So wenig bedeutsam der aktuelle 16. Tabellenplatz für unsere Eintracht zum aktuellen Zeitpunkt auch ist, so gut tut es, nach langen Monaten, nach großem Abstand zum rettenden Ufer, mindestens für ein paar Tage über dem rettenden Strich zu stehen. Unsere Mannschaft hat sich diese Mut machende Momentaufnahme gegen Meppen in jedem Fall verdient und erkämpft – was mit „Oh wie ist das schön“- und „Europapokal“-Gesängen von der Kurve gewürdigt und bedacht wurde. Ein sportlich und emotional großartiger Tag im Braunschweiger Tempel. 

Weniger erfreulich hingegen war, was während der zweiten Halbzeit für einen kurzen Moment im unteren Bereich von Block 8 zu lesen war: „Ruhe in Frieden Tommy“, so die Worte auf einem Spruchband, welches mit „BS Hools“ unterzeichnet wurde. Bei „Tommy“ handelt es sich um keinen anderen, als den Chemnitzer Neonazi und Hooligan, welcher in der vergangenen Woche verstarb und aufgrund der Traueraktionen im Chemitzer Stadion wenige Tage darauf bundesweit in allen Medien sichtbar wurde.

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Melde diskriminierende Vorfälle!

Zwar hat sich in den vergangenen Jahren manches gebessert, doch sind sexistische und rassistische Gesänge und Beleidigungen, homophobe Banner und rechtsextreme Bestrebungen in trauriger Regelmäßigkeit noch immer Teil unserer Fanszene, unseres Stadions. Umso wichtiger ist es diese Vorfälle sichtbar zu machen, in die Diskussion zu bringen und zu problematisieren. Hierbei ist es egal, ob es sich um einen homophoben Banner vor der Südkurve oder rassistische Beleidigungen einer kleinen Gruppe auf der Auswärtsfahrt handelt – nur was im Kleinen akzeptiert wird, kann im Großen Ausdruck finden. Daher ist es wichtig, jeden Vorfall zu thematisieren.

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[arte] Re: Kampf um die Kurve – Rechte Fußballfans in Italien

Eine spannende Reportage, die interessante Einblicke in rechte Fangruppen in Italien gibt und einen florentinischen Autor zu Wort kommen lässt, der sich kritisch mit Rechtsextremismus in italienischen Kurven auseinandersetzt.
Dauer: 30:01 Min.