Viele von euch werden die Diskussion um die oben stehende Frage kennen. Immer wieder wird sie diskutiert, insbesondere dann, wenn innerhalb des Stadions klar Stellung gegen Diskriminierung bezogen wird. Mit dem beliebten Slogan „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“, welcher nicht zufällig auch Teil eines Liedes („HaHoHe“) der rechtsextremen Hooligan-Band „Kategorie C“ ist, soll solches Engagement entkräftet und delegitimiert werden. Fußball sei unpolitisch, ob auf dem Rasen oder in der Kurve – Engagement gegen Rechtsextremismus, Homophobie oder für Offenheit und Toleranz also fehl am Platze.
Angesichts erstarkender rechter Gruppierungen und Aktivitäten in den vergangenen Jahren ist es wichtig, sich mit dieser Frage und dem Argument des unpolitischen Fußballs zu befassen. Nur so können wir die Argumentation der „Unpolitischen“ dekonstruieren und offenbaren, dass es nicht um den politischen Inhalt an sich geht, sondern um das Engagement einer bestimmten politischen Ausrichtung. Wir wollen drei Gründe anführen, die deutlich machen, dass der Fußball nicht von politischen Dimensionen losgelöst ist:
1. Der Fußball ist schon immer eng mit Entscheidungen der institutionellen Politik verbunden. Im Jahr 1349 versuchte der damalige englische König Eduard III. die damalige Version des heutigen Fußballs zum ersten, aber nicht zum letzten Mal zu verbieten – glücklicherweise mit wenig Erfolg. Auch in Deutschland war der Fußball in seinen Anfangsjahren politischer Ablehnung ausgesetzt, bis in die 1970er Jahre war weiterhin der institutionelle Frauenfußball verboten. Der Fußball war also auch früher ein Ort des (gesellschafts-)politischen Handelns – und des Widerstands: So wie im 14. Jahrhundert weiterhin dem kulturellen Gut nachgeeifert wurde, ließen sich auch die Fußballpioniere Deutschlands und später die ausgeschlossenen Frauen nicht vom Fußballspielen abhalten. Heute diskutieren die Innenminister*innen der Länder über neue Sicherheitsmaßnahmen, Politiker*innen zeigen sich neben Fußballer*innen (zumeist allerdings neben Fußballern), internationale Turniere werden zu politischen Werbeveranstaltungen. Die Form der politischen Einflussnahme und Besetzung des Fußballs hat sich verändert, ist aber noch immer deutlich sicht- und spürbar. Der Fußball ist schon immer Wirkungsfeld politischen Handelns, Bühne politischer Repräsentation und Spielball politischer Akteur*innen. Insbesondere die rasant angestiegene mediale und gesellschaftliche Popularität haben diese politische Dimension des Fußballs an Bedeutung gewinnen lassen.
2. Rund sieben Millionen Menschen spielen in Deutschland Woche für Woche für ihren Verein Fußball, füllen das Vereinleben mit Inhalt und leisten damit einen großen Beitrag zum solidarischen Miteinander, zur Integration und einer offenen Gesellschaft. In tausenden Vereinen und Fanclubs treffen Tag für Tag Menschen verschiedenster Herkunft, Religion, Schichten, Hautfarbe, Sexualität, politischer Einstellung, … aufeinander und erleben gemeinsam die Faszination des Fußballs – so wie wir es Woche für Woche bei unserer Eintracht tun. Individuelle Unterschiede zwischen den Menschen verlieren an Bedeutung. Im Gemeinsamen wird das Trennende unsichtbarer. Auch hier findet sich eine politische Dimension, denn solch ein integratives Vereins- und Clubleben braucht und fördert unsere demokratischen Grundlagen von Politik und Zivilgesellschaft.
3. Der dritte Grund jedoch zeigt noch viel deutlicher den Widerspruch auf, welcher sich ergibt, wenn aktive Fans dem Fußball einen unpolitischen Charakter zuschreiben: Das eigene politische Engagement. Ob Polizeiaufgabengesetze, Anstoßzeiten, Kollektivstrafen, Stadionverbote, Stehplatzverbote, Sicherheitsverschärfungen oder lokale Anliegen – Ultras und andere Gruppen der aktiven Fanszene äußern sich immer wieder zu politischen Themen und beziehen Stellung. Weniger häufig, aber dennoch vielerorts gibt es außerdem Aktivitäten rechtsextremer Gruppen, die um Mitglieder werben, Solidaritätsbanner präsentieren und gewaltbereit und -tätig gegenüber politisch anders ausgerichteten Personen auftreten. All dies, vom Banner „Twete statt Gasse“ über den rechten Flyer in der Kurve bis zum rassistischen, homophoben oder sexistischen Gesang, sind politischen Handlungen – und sie sind, in verschiedener Intensität, Alltag in deutschen Kurven. Auch (und insbesondere) dort, wo die Losung bei anderen Inhalten „Fußball ist Fußball und …“ lautet. Das Argument des unpolitischen Fußballs greift auch hier, beim eigenen Verhalten jener, die das Argument vorbringen, ins Leere. Sie sind es selbst, die diese Dimension politischer Verwobenheit erst schaffen und mit Inhalt füllen – und sie leugnen, wenn die Ausrichtung des politischen Handelns ihnen nicht passt.
Es ist also gar nicht schwer, das Argument des unpolitischen Fußballs zu entkräften – und sich gegen Angriffe dieser Art aufgrund eigenen Engagements zu wehren. Denn: Die politischen Äußerungen aktiver Fans zu Anliegen wie dem Polizeiaufgabengesetz, Anstoßzeiten oder anderen Fananliegen sind wichtig und relevanter Bestandteil einer mündigen Zivilgesellschaft. Ebenso wichtig ist jedoch auch das Engagement für diskriminierungsfreie Stadien und eine offene Kultur des Fußballs – und ebenso legitim. Wer also antidiskriminierende Arbeit delegitimieren will, mit dem unpolitischen Fußball argumentiert, sollte mit seinem eigenen Handeln innerhalb des Stadions und der Fanszene konfrontiert werden – das Argument entkräftet sich dann von selbst.
Eintracht in Vielfalt!