Gerechnet hatte mit dieser Entscheidung wohl niemand – nicht einmal der Trainer selbst: „Trainer Christian Flüthmann freigestellt“. Zwar waren die vergangenen Wochen sportlich nicht von besonderem Erfolg gekrönt (7 Punkte aus 8 Spielen), doch war das Thema „Trainerentlassung“ bislang kein akutes gewesen. Auch sprechen die Zahlen mit Blick auf das von Vollmann ausgegebene Saisonziel – oberes Drittel – eigentlich für Flüthmann: Platz 5, 3 Punkte Abstand zu den Aufstiegsrängen – 1,66 Punkte pro Ligaspiel im Durchschnitt. In den vergangenen 5 Jahren hatte dieser Wert in jeder Saison für das obere Tabellendritten gereicht, einmal gar für den Relegationsplatz. Grund genug sich einmal genauer mit der Trennung von Flüthmann auseinanderzusetzen.
Zur Wahrheit gehören hierbei auch die kritischen Worte in Richtung Trainerstuhl. So stand Flüthmann innerhalb der Fanszene zuletzt insbesondere wegen seinen Aufstellungen sowie der taktischen Ausrichtung in der Kritik. Während wenig effektive oder fehleranfällige Spieler Woche für Woche das Vertrauen erhielten, bekamen potentielle Nachrücker nur selten ausreichend Spielzeit zur spielerischen Entfaltung, so ein zentraler und immer wieder wahrgenommener Knackpunkt in der Bilanz Flüthmanns. Die vergangenen Resultate stimmten ebenfalls nachdenklich. Die Erklärung des Vereins geht in eine ähnliche Richtung: spielerischer Leistung, Entwicklung, Resultate. All das jedoch sind einzelne Kritikpunkte, aber angesichts der übrigen Bilanz wirklich auch ein Trennungsgrund?
Denn: Ein Blick auf die Ergebnisse bzw. die jeweiligen Gegner zeigt sich, dass man sich im oberen Dritten eingefunden hat: Zwei von vier Niederlagen kassierten wir gegen Duisburg (Platz 1) und Ingolstadt (Platz 2). Rostock (Platz 7) und Bayern II (Platz 9) hatten in der jeweiligen Saisonphase entweder eine Erfolgsserie oder wohltuende Unterstützung aus der Profimannschaft. Das Unentschieden gegen Preußen Münster war das erste Spiel der Saison, in welchem gegen eine Mannschaft aus der unteren Tabellenhälfte nicht gewonnen wurde. Richtig ist aber auch, dass bislang kein Spiel gegen eine Mannschaft der oberen Tabellenhälfte gewonnen wurde.
Entscheidend ist am Ende der Maßstab, an welchem der Trainer gemessen wird. Das zu Beginn der Saison ausgegebene und auch jetzt nicht veränderte Saisonziel von Peter Vollmann – „Oberes Drittel ist okay!“ – scheint es nicht gewesen zu sein. Trotz berechtigter Kritikpunkte weist der aktuelle Stand tabellarisch und spielerisch nicht darauf hin, dieses Ziel zu verfehlen. Angesichts dessen erscheint die Erklärung des Vereins auf Basis rein sportlicher Gründe eigenartig und in gewissem Maße fragwürdig.
Die Trennung von Christian Flüthmann reiht sich hierbei auch ein in einen größeren Prozess im Umgang mit Trainern. Auch andere Fußballlehrer wie Jens Keller (Union Berlin – 4. Platz in Liga 2), Patrick Glöckner (Viktoria Köln – 1. Platz in der Regionalliga West) oder Markus Anfang (FC Köln – 1. Platz in Liga 2) mussten in den vergangenen Jahren während der laufenden Saison den Trainerstuhl trotz den Saisonzielen entsprechendem Verlauf räumen. Dieter Hecking wurde zuletzt in Mönchengladbach vorzeitig zum Saisonende entlassen, obwohl die Europa-League-Qualifikation in sicherer Nähe und der Vertrag erst wenige Monate zuvor verlängert worden war – die Liste könnte fortgeführt werden. In Folge einer solchen Entwicklung erhöht sich der Druck auf Trainer weiter, bröckelt der Respekt und ist die „ewige Logik“ der Jobsicherheit qua Erfolg grundlegend in Frage gestellt. Es scheint, als suche sich der aus dem Zwang nach Erfolg resultierende und wachsende Druck des Profifußballs, welcher heute bis in die Regionalligen hineinreicht, immer neue Ventile – und so lange die Struktur der Ligen Vereine vor existenzielle Nöte stellt oder die Millionenbeträge für Spieler und Vereine weiter steigen, wird sich am anwachsenden Druck nichts ändern.
Doch als sei eine Trennung dieser Art nicht schon tragisch genug, geht mit solch einem Prozess meist auch eine misslungene Kommunikation einher. Folgt man einmal den Worten Vollmanns auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des neuen Cheftrainers Marco Antwerpen, scheint dies auch in unserem Fall – mal wieder – der Fall gewesen. So antwortete Vollmann auf die Frage, ob Flüthmann nach dem Münster-Spiel etwas hätte erahnen können oder es ihn spontan erwischt, dass selbiger diese Entscheidung eher überrascht als darauf vorbereitet aufnahm. Offensichtlich hatte sich in den vergangenen Tagen und Wochen niemand mit Flüthmann persönlich über die Lage ausgetauscht. Der ebenfalls „unwiderruflich freigestellte“ Markus Unger erfuhr von seiner Entlassung per Telefon – da am Sonntag Abend eine Sitzung des Aufsichtsrats die letzten freien Terminslots Vollmanns belegte. Die Hoffnung, unser Verein hätte nach den ebenfalls kommunikativ und menschlich misslungenen Trennungen von Lieberknecht, Arnold und Schubert sowie Teilen der Mannschaft 2017/18 dazugelernt, scheint ins Leere gelaufen zu sein. Zwar sei die Entscheidung laut Verein „mit reiflicher Überlegung und dem nötigen Abstand zum letzten Pflichtspiel in Münster getroffen“ worden, doch scheint Christian Flüthmann als Cheftrainer nie Teil dieser Überlegungen über das sportliche Fortkommen der Mannschaft gewesen zu sein. Dabei hatte Peter Vollmann auf seiner eigenen und Flüthmanns Vorstellungs-PK zu Saisonbeginn noch Kommunikation „auf Augenhöhe“ und „sehr hohem Niveau des sozialen Denkens“ versprochen. Ganz unabhängig des (Miss-)Erfolgs und der sportlichen Basis einer Entlassung ist ein solcher Umgang auf menschlicher Ebene respektlos und den Werten unseres Vereins nicht entsprechend.
Alles in allem stimmt uns die aktuelle Lage nachdenklich. Der Verein erhofft sich von Marco Antwerpen die schnellere Rückkehr zum Erfolg, als sie möglicherweise mit Christian Flüthmann möglich gewesen wäre, so Peter Vollmann. Was aber geschieht, wenn sich der Erfolg nicht in wachsendem Maße einstellt und wir am 25. oder 30. Spieltag noch immer auf Platz 5 stehen, 3 Punkte vom Aufstiegsrang entfernt? Vielleicht haben wir dann ein Spiel gegen den Drittplatzierten gewonnen, aber auch gegen die Vierzehnten verloren? Ist Marco Antwerpen dann das nächste Bauernopfer einer fragwürdigen Vereinspolitik? Oder setzt sich endlich die Erkenntnis durch, dass es nichts hilft Mannschaft und Trainer beliebig zu wechseln, wenn die Probleme auf höheren Vereinsetagen liegen? Endgültig dahin scheinen zumindest die Strukturen der Konstanz und Ruhe vergangener Jahre – es dämmert viel mehr die Zeit der frühen 2000er. Hoffen wir das Beste.
Christian Flüthmann und Markus Unger wünschen wir für die Zukunft alles Gute und danken für den bisherigen Saisonverlauf, welcher uns eine schwere Zeit wie in der vergangenen Saison erspart. Unserem neuen Trainer Marco Antwerpen wünschen wir größtmöglichen Erfolg und heißen ihn herzlich in der Löwenstadt willkommen. Peter Vollmann steht in diesem Beitrag als öffentlich wahrnehmbare Person auch stellvertretend für viele weitere Verantwortliche im Verein, welche mitunter – anders als Vollmann – bereits die angeführten Entlassungs-Fails der letzten eineinhalb Jahre mitbegleitet haben.